Wenn die Karriere ins Ausland führt – eine Entscheidung für zwei
Wenn die Karriere ins Ausland führt – eine Entscheidung für zwei
Ein Jobangebot im Ausland kann eine große berufliche Chance sein und gleichzeitig die Beziehung vor eine schwierige Entscheidung stellen. Was passiert, wenn aus einer Karriereentscheidung eine gemeinsame Lebensentscheidung wird?
Ein Jobangebot im Ausland kann eine große berufliche Chance sein und gleichzeitig die Beziehung vor eine schwierige Entscheidung stellen. Was passiert, wenn aus einer Karriereentscheidung eine gemeinsame Lebensentscheidung wird?

„Ich habe ein Angebot bekommen.“ Der Satz fällt abends in der Küche, vielleicht mit einem Lächeln, vielleicht mit einem Zögern. Zürich, London, Singapur. Für den einen ist es eine große Chance. Für den anderen beginnt in diesem Moment eine ganz andere Rechnung.
Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um die Frage: Will ich diesen Job? Sondern auch: Gehen wir gemeinsam? Was bedeutet der Umzug für die Karriere des anderen? Was lassen wir zurück? Oder führen wir die Beziehung eine Zeit lang auf Distanz?
Aus einer individuellen Karriereentscheidung wird eine gemeinsame Lebensentscheidung.
Eine Chance für einen, eine Entscheidung für zwei
Die Forschung zu Doppelkarrierepaaren zeigt, wie sehr berufliche Mobilität zur gemeinsamen Entscheidung werden kann. Challiol und Mignonac (2005) untersuchten beruflich bedingte Umzugsentscheidungen bei Doppelverdienerpaaren. Ihr Ergebnis: Die Entscheidung ist vor allem eine Suche nach Kompromissen. Dabei spielen die beruflichen und familiären Rollen beider ebenso eine Rolle wie ihre Vorstellungen davon, wie sie als Paar leben möchten.
Auch die Bereitschaft, für die Karriere des Partners mit ins Ausland zu gehen, hängt nicht allein von der Attraktivität des neuen Ortes oder Jobs ab. In einer Untersuchung mit 226 Paaren zeigte sich, dass insbesondere bei den mitziehenden Partnern sowohl die Bedeutung der eigenen Karriere als auch die Bedeutung der Partnerrolle mit der Bereitschaft zusammenhing, den Schritt ins Ausland mitzugehen (van der Velde et al., 2017).
Das erklärt, warum solche Gespräche schnell schwierig werden können. Einer sieht eine einmalige Gelegenheit. Der andere sieht einen Arbeitsplatz, den er aufgeben müsste, ein vertrautes Umfeld oder eigene Pläne, die plötzlich infrage stehen.
Ein Nein zum Umzug muss kein Nein zur Beziehung sein. Und ein Ja bedeutet nicht, dass sich die Entscheidung für beide gleich gut anfühlt.
Wenn einer mitgeht
Wer für die Karriere des anderen mitzieht, wechselt nicht nur den Wohnort. Oft bleiben Arbeitsplatz, berufliche Netzwerke, Freunde und Familie zurück.
Was das langfristig bedeuten kann, untersuchte Kierner (2018) in ausführlichen Interviews mit 28 Menschen aus internationalen Doppelkarrierekonstellationen. Zunächst richteten die Paare ihre Ziele darauf aus, den Auslandsaufenthalt und damit die Karriere eines Partners möglich zu machen. Konnte der mitziehende Partner die eigene berufliche Entwicklung jedoch nicht verwirklichen, nahm die anfängliche Zuversicht ab. Einen weiteren Auslandsaufenthalt wollten die Befragten nur dann in Betracht ziehen, wenn beide eine passende berufliche Perspektive finden konnten.
Das heißt nicht, dass beide Karrieren immer gleich viel Raum brauchen. Es kann Phasen geben, in denen eine Karriere Vorrang hat. Entscheidend ist, wie das Paar damit umgeht:
Wird gesehen, was der andere zurückstellt?
Ist die Priorisierung zeitlich begrenzt?
Gibt es eine Vorstellung davon, wann die Wünsche des anderen wieder mehr Gewicht bekommen?
Sonst wird aus dem freiwilligen „Dann ist jetzt deine Karriere dran“ irgendwann ein „Deine Karriere war immer wichtiger als meine“.
Was heute passt, kann sich verändern
Paare gehen mit zwei Karrieren sehr unterschiedlich um. Känsälä, Mäkelä und Suutari (2015) interviewten 39 Menschen, die im Ausland arbeiteten und deren Partner zumindest vor dem Auslandsaufenthalt ebenfalls berufstätig waren. Paare gehen mit zwei Karrieren sehr unterschiedlich um. Känsälä, Mäkelä und Suutari (2015) fanden in ihren Interviews unterschiedliche Formen der Abstimmung: Bei manchen Paaren hatte die Karriere eines Partners Vorrang, andere versuchten, beide Karrieren möglichst gleichberechtigt zu berücksichtigen, wieder andere planten ihre beruflichen Wege vergleichsweise unabhängig voneinander. Interessant ist dabei auch, dass sich diese Formen der Abstimmung im Laufe der Zeit verändern konnte
Ein Auslandsaufenthalt muss also nicht festlegen, wessen Karriere in Ihrer Beziehung grundsätzlich wichtiger ist. Paare können immer wieder neu aushandeln, wie sie ihre beruflichen Interessen miteinander verbinden.
Es hilft deshalb, nicht nur über die unmittelbar anstehende Entscheidung zu sprechen, sondern auch darüber, wie sie in die gemeinsame Geschichte passen soll:
Hat jetzt die Karriere des einen Priorität und später die des anderen?
Was müsste passieren, damit auch der mitziehende Partner sich am neuen Ort beruflich entwickeln kann?
Wann möchten Sie gemeinsam prüfen, ob Ihre Vereinbarung noch für beide funktioniert?
Wird gesehen, was der andere aufgibt?
Ein Umzug für die Karriere des Partners kann ein großes Zugeständnis sein. Murphy und Kolleginnen (2022) untersuchten 229 Menschen, die kürzlich für den Job oder die Ausbildung ihres Partners umgezogen waren.
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild. Menschen mit stärkerer Bindungsunsicherheit berichteten nach dem Umzug von einer ungünstigeren Beziehungsqualität. Je nach Form der Bindungsunsicherheit konnten jedoch wahrgenommene Dankbarkeit des Partners und dessen Bereitschaft, selbst etwas für die Beziehung aufzugeben, einige dieser Zusammenhänge abmildern.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass Dankbarkeit allein einen schwierigen Umzug auffängt. Die Studie lenkt den Blick aber auf eine interessante Frage:
Wird gesehen, was diese Entscheidung jeden von Ihnen kostet?
Es geht nicht darum, ein Konto gegenseitiger Opfer zu führen. Aber dieselbe Entscheidung hat für zwei Menschen oft sehr unterschiedliche Folgen. Während einer am neuen Ort eine spannende Aufgabe, Anerkennung und neue Kontakte erlebt, fängt der andere möglicherweise beruflich noch einmal von vorn an.
Beide haben gemeinsam Ja gesagt und erleben denselben Umzug trotzdem sehr verschieden.
Und wenn keiner mitgehen möchte?
Manchmal ist es stimmiger, zwei Lebensmittelpunkte zu behalten und für eine Zeit eine Fernbeziehung zu führen.
Dann reicht die Frage „Wie oft sehen wir uns?“ nicht aus. Es lohnt sich auch, darüber zu sprechen:
Wer reist zu wem?
Wie verteilen wir Kosten und Verantwortung?
Wie schaffen wir gemeinsamen Alltag, obwohl wir keinen gemeinsamen Alltag haben?
Was passiert, wenn einer am neuen Ort ein neues Leben aufbaut und der andere im bisherigen bleibt?
Und vor allem: Wie lange soll dieses Modell gelten?
„Wir probieren es erst einmal“ kann eine gute Entscheidung sein. Hilfreich ist dann, auch festzulegen, wann Sie gemeinsam erneut darauf schauen möchten.
Statt „Gehen oder bleiben?“ erst die Interessen sortieren
Wenn ein attraktives Jobangebot auf dem Tisch liegt, entsteht schnell Druck, rasch eine Lösung zu finden. Hilfreicher kann es sein, zunächst die unterschiedlichen Interessen auseinanderzunehmen.
Was bedeutet die Entscheidung für mich?
Was bedeutet diese berufliche Chance für mich?
Was würde ich verlieren, wenn ich sie nicht wahrnehme?
Was würde ich gewinnen?
Was bedeutet sie für meinen Partner oder meine Partnerin?
Was bedeutet ein Umzug für meinen Partner oder meine Partnerin?
Worauf müsste er oder sie verzichten?
Welche beruflichen und persönlichen Möglichkeiten gäbe es am neuen Ort?
Was bedeutet die Entscheidung für uns?
Was macht uns an einer Fernbeziehung Sorgen?
Unter welchen Bedingungen könnte eine der Möglichkeiten für uns beide funktionieren?
Ist unsere Entscheidung vorläufig oder dauerhaft?
Wann wollen wir sie gemeinsam überprüfen?
Auch die Zeitperspektive verändert die Entscheidung. Zwei Jahre im Ausland sind etwas anderes als ein Umzug ohne absehbare Rückkehr. Eine Karriere für eine begrenzte Phase zu priorisieren kann sich anders anfühlen als eine Priorisierung ohne Aussicht darauf, dass sich die Gewichte wieder verschieben.
Es muss keine Lösung geben, bei der beide exakt gleich viel gewinnen. Entscheidend ist, eine Entscheidung zu finden, in der sich beide wiederfinden können.
Wenn aus meiner Karriere unsere Entscheidung wird
Ein Schritt ins Ausland berührt Vorstellungen von Karriere und Partnerschaft, von Freiheit und Verbundenheit und manchmal die Frage, wessen Entwicklung gerade Vorrang bekommen darf.
Die Forschung zu Doppelkarrierepaaren zeigt dabei vor allem: Ein beruflicher Umzug lässt sich in einer Partnerschaft kaum ausschließlich als Entscheidung der Person betrachten, die das Jobangebot bekommen hat. Die beruflichen Perspektiven beider und die Vorstellungen vom gemeinsamen Leben spielen zusammen.
Wer früh darüber spricht, kann verhindern, dass der eigentliche Konflikt erst sichtbar wird, wenn die Entscheidung längst gefallen ist.
In der Paarberatung können wir gemeinsam Ihre Wünsche, Befürchtungen und die möglichen Konsequenzen sortieren. Nicht, um zu klären, wer recht hat, sondern um eine Entscheidung zu entwickeln, die Ihre beruflichen Wünsche ebenso im Blick behält wie Ihre Beziehung.
Das geht auch online, wenn Sie bereits an verschiedenen Orten leben.
Steht bei Ihnen gerade ein beruflicher Schritt ins Ausland im Raum?
Literatur
Challiol, H. & Mignonac, K. (2005). Relocation decision-making and couple relationships: A quantitative and qualitative study of dual-earner couples. Journal of Organizational Behavior, 26(3), 247–274. DOI: 10.1002/job.311.
Känsälä, M., Mäkelä, L. & Suutari, V. (2015). Career coordination strategies among dual career expatriate couples. The International Journal of Human Resource Management, 26(17), 2187–2210. DOI: 10.1080/09585192.2014.985327.
Kierner, A. (2018). Expatriated dual-career partners: Hope and disillusionment. Journal of Global Mobility, 6(3/4), 244–257. DOI: 10.1108/JGM-02-2018-0011.
Murphy, G. C. M., Horne, R. M., Visserman, M. L. & Impett, E. A. (2022). Relationship functioning following a large-scale sacrifice: Perceived partner prosociality buffers attachment insecurity. Journal of Family Psychology, 36(6), 986–997. DOI: 10.1037/fam0000994.
van der Velde, M. E. G., Jansen, P. G. W., Bal, P. M. & van Erp, K. J. P. M. (2017). Dual-earner couples’ willingness to relocate abroad: The reciprocal influence of both partners’ career role salience and partner role salience. European Journal of Work and Organizational Psychology, 26(2), 195–207. DOI: 10.1080/1359432X.2016.1241768.
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